Mein Erfahrungsbericht zum Umstieg auf Linux

Ich habe in den letzten 2-3 Jahren  schon öfter mal etwas in die Linux Welt reingeschnuppert, einfach weil das Interesse an freier OpenSource Software bei mir geweckt war, weg von der proprietären Software und dem Platzhirsch Microsoft.

Auch wenn Microsoft mit Windows 7 und 8.1 mittlerweile ein wirklich stabiles und gutes Produkt auf dem Markt haben, mangelt es doch sehr an Wettbewerb und der Monopolist ist und bleibt unangefochten an der Spitze.

So ist ein Standard Windows System natürlich auch ein perfektes Ziel für nahezu alle Arten von Angriffen. Mit einem Marktanteil von über 90% und dazu noch Benutzern; die mit überwiegender Mehrheit zu den Menschen gehören, die blind irgendwelche Häkchen setzen und immer möglichst schnell auf „Weiter“ klicken ist es kein Wunder das Viren und Spyware sich so rasant verbreiten können.

Bei meinen ersten versuchen, ich glaube es war mal ein Linux Mint vor einigen Jahren, kam ich recht schnell zurecht und die Alltagsaufgaben lassen sich mit ein paar Stunden der Umgewöhnung relativ gut meistern. Ich weiß gar nicht mehr was mich damals wieder davon abgebracht hat, allerdings hat dies auch viel mit Gewohnheit zu tun, ich vermute ich war noch nicht so weit.

Im letzten Jahr habe ich dann immer wieder mal verschiedene Linux Distributionen für mich ausprobiert, ausschlaggebend war diesmal vermutlich die Dezentralisierung meiner meisten Daten, ich verwende für meine E-Mails nur noch das IMAP Protokoll, also kein Abruf der Mails mehr auf das lokale System, andere Daten liegen auf dem NAS Speicher im Netzwerk und das Passwortverwaltungsprogramm ist ebenfalls dezentral, unabhängig vom Betriebssystem.

So war es für mich sehr leicht, auch auf einem nackten Betriebssystem innerhalb von weniger als einer halben Stunde alles lauffähig einzurichten und stets auf alles Zugriff zu haben.

Ich habe Ubuntu mit Unity und später Debian mit Gnome am laufen gehabt, letztlich dann wieder zurück zu Ubuntu, diesmal mit einem relativ einfachen Fenstermanager (LXDE). Letzteres läuft derzeit sehr gut und vor allem extrem schnell, ich bin kein Freund von aufwändigen Themes, Styles und bunten Bildchen, Hauptsache das System läuft stabil und so schnell wie möglich.

Auf meinem (in die Jahre gekommenen) PC mit Intel Core2Quad Q6600 und 4 GB RAM, dazu ein 64GB SSD Systemlaufwerk und einigen weiteren Festplatten läuft das letztgenannte Ubuntu mit LXDE wirklich exzellent, Systemstart in 7 Sekunden und Programme starten auch nahezu ohne Verzögerung, da kann ich auf optische Spielereien wirklich gerne verzichten, zumal das Internet mit seiner Übersättigung an Werbung ja in der Tat bunt genug ist.

Was mich immer wieder mal an Linux stört, sind oft nur kleine Details, die aber manchmal sehr lästig und gerne sehr Zeitraubend werden, sei es nun der seltene Fall einer fehlenden Unterstützung einer Hardwarekomponente, oder der Umstand das man bei der Nutzung von Linux ganz einfach mit grundlegenden Befehlen im Terminal vertraut sein sollte. So kann es vorkommen, dass man sich ggf. für bestimmte Vorgänge als Root (Admin) anmelden muss. Oder hier mal zwei einfache Beispiele aus der Praxis:

Ich blockiere aufgrund meiner Abneigung gegen Google ganz gerne eine ganze Reihe Domains direkt über die Hosts-Datei, da selbst die Adblocker nichts gegen die Schnüffelei von Google, Facebook & Co. unternehmen, vermutlich weil dort Kooperationen bestehen. Nun kann ich unter Linux nicht einfach die Hosts Datei ändern, sondern muss mir die entsprechende Datei über das Terminal mit Root-Rechten öffnen, um sie bearbeiten zu können.

Das zweite Beispiel sind zeitgesteuerte Aufgaben, unter Windows lassen sich diese „geplanten Tasks“ intuitiv einrichten, unter Linux ist hier wieder Handarbeit gefragt, Terminal mit crontab -e und dann manuell einen zeitgesteuerten Befehl mit korrekten Pfadangaben definieren.

Beide Beispiele sind keine große Hürde; wenn man erst mal weiß wie man sie nehmen muss bzw.  man muss sich anfangs die Zeit nehmen (können!?), um diese Aufgaben zu lösen.

Diese Zeit, die man sich einfach nehmen muss um sich die Grundlagen anzueignen, habe ich lange unterschätzt was bei mir dann häufig zu Rückschlägen geführt hat die mich wieder zu Windows getrieben haben.  Mittlerweile habe ich so etliche dieser Hürden überwunden und dabei festgestellt, dass es die Sicherheit eines Betriebssystems immens erhöht, wenn man sich mit bestimmten Situationen nachhaltig auseinandersetzen muss, statt unter Windows mit Try&Error so lange herumzuklicken bis der gewünschte Effekt eintritt, aber möglicherweise dann auch Tür&Tor für potenzielle Angreifer offen stehen.

Ich glaube der Hauptgrund der gegen Linux spricht wenn man als Ziel mal einen ausgeglichenen Marktanteil annehmen würde, ist einfach diese angesprochene Zeit für die angesprochenen Kleinigkeiten drauf geht. Zu 99% kommen die meisten Anwender sicherlich prima zurecht, aber bei bestimmten Konfigurationen, speziell wenn es darum geht mit der Konsole zu arbeiten, ist ein gewissen Grundwissen Pflicht. Also entweder man hat jemanden greifbar der da Hilfestellung geben kann, oder man muss sich mit Internetrecherchen selber helfen, was dann wieder Zeit in Anspruch nehmen kann. Spätestens bei Produktivsystemen, an denen tatsächlich gearbeitet wird, muss in diesem Fall zwingend ein Systemadministrator verfügbar sein oder zumindest geschultes Personal, denn Ausfallzeiten beim Personal aufgrund eines Betriebssystems sind einfach undenkbar.

Meine Einschätzung: Linux ist und bleibt etwas für Menschen, die Ihre IT-Sicherheit selbst in die Hand nehmen wollen, Menschen die einer Veränderung positiv gestimmt sind und natürlich für Menschen die das Prinzip von OpenSource Software leben und unterstützen.

Der Durchschnittsbürger wird weiter bei Windows bleiben, da sich Microsoft immer an der breiten Masse orientiert, Viren und Spyware wird immer komplexer und weiter in Privatsphären eindringen, auch das „Modewort“ Identitätsdiebstahl wird immer ein Thema bleiben, so lange der Durchschnittsbenutzer keine sicheren Passwörter verwendet.